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Erscheinungsdatum: 30.10.2009
Label: Urban - UDR
von Jochen Overbeck
Am Anfang von "Aggro Berlin" wird die Maske weggesperrt. Für immer, denn die Rechte daran hat nicht der Berliner Rapper selber, sondern seine in der Auflösung begriffene ehemalige Plattenfirma Aggro Berlin. Der Optik des Mannes, der mit bürgerlichem Namen Paul Würdig heißt, tut dieser Schritt gut. Erwachsen sieht er aus, wie einer, auf den man zählen kann. Schimpftiraden gibt's wenige, stattdessen ein bisschen Zeigefinger und ein gutes Eck Humor, übrigens nicht nur von Sido selbst: Der Berliner Comedian Kurt Krömer durfte bei den Skits - so nennt man im HipHop die kurzen Erzählfetzen zwischen den einzelnen Songs - ordentlich mitmischen.
Das vorab ausgekoppelte "Hey Du" mit seinem dem Musical "Linie 1" entnommenen Refrain zeigt, dass die Straße bei Sido nur noch in der Vergangenheitsform vorkommt: "Dann sind wir ins MV gezogen, ein Viertel am Stadtrand. Und ab dann ging's ab, Mann, nicht mal ein Haar am Sack dran, aber Faxen machen" rappt Sido hier. Thematisch sicher verwandt ist "Ich bereue nichts", in dem Sido hübsch die letzten 30 Jahre Revue passieren lässt. Gerüpelt wird ohne Maske selten - aggro im klassischen Sinne wird's eigentlich nur, wenn die Sekte, Sidos alte Homies aus der Vergangenheit ein paar Zeilen droppen dürfen oder er in "Henker & Richter" einen Nachwuchsrapper in der Zentrale seiner Plattenfirma Amok laufen lässt. Das ist nur mittelspannend und der schwächste Track des Albums.
Und die Gegenwart? Die ist für Sido nun mal eine angenehme Angelegenheit, sieht man von einigen Problemen innerhalb der "Popstars"-Jury (angeschnitten in "Sido") ab. Das mag Erklärungsansatz dafür sein, warum "Aggro Berlin" in einigen Momenten so etwas wie eine klare Identität fehlt. Sido versucht die eierlegende Wollmilchsau: Den Erwachsenen, den Vater, den Typen, der vielleicht gerade aufgrund seiner Vergangenheit eine Vorbildfunktion innehat, möchte er mit dem Spaßrapper verbinden. Mit dem Typen, der auch mal 'nen Reggae-Song ("Marie & Jana") raushaut, in dem's natürlich ums Kiffen geht. Mit dem Typen, der nicht mehr mit Hohlbirnen von der Straße rumhängt, sondern mit den angesagten Anarcho-Rappern von K.I.Z. oder Veteran Samy Deluxe, die beide auf "Aggro Berlin" gefeatured werden. Dass das nicht immer so recht zusammengeht, liegt in der Natur der Sache. Dennoch ist "Aggro Berlin" eine spannende Platte, weil vermutlich so eine Art Zwischenstation für Sido.
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