India.Arie


India.Arie
Testimony: Vol. 1 - Life & Relationship
Motown - UID/Universal

India.Arie - Testimony: Vol. 1 - Life & Relationship

03.07.2006

Erscheinungsdatum: 23.06.2006
Label: Motown - UID/Universal

von Jochen Overbeck

"Ein sensibles Genie lebt im Geist, in der Stimme und in den Händen dieser Frau." Das sagte einmal Stevie Wonder über India.Arie und ließ sie konsequenterweise gleich auch einen Track auf seinem letzten Studioalbum einsingen. Trotzdem, zumindest hierzulande sitzt India.Arie immer noch in einer Art Warteposition. Ihr "Acoustic Soul" konnte den Mainstream noch nicht erreichen, auch Artverwandte wie Bilal oder D'Angelo schaffen es ja viel zu selten, sich gegen den R'n'B-Common-Sense aus der Timbaland- oder Neptunes-Schmiede durchzusetzen. Vielleicht wird das opulente "Testimony: Vol. 1 - Life & Relationship" daran etwas ändern.

"I Think It's About Forgiveness": Das ist nicht nur eine Textzeile aus der Don-Henley-Coverversion "These Heart Of The Matter", sondern auch eines der Themen, das auf dem Album - der Titel deutet diese fast wissenschaftlich durchuntersuchte Ernsthaftigkeit ja bereits an - immer wieder aufgreift. Das passt gut zu der Grammy-Preisträgerin, zumal sie auch den Henley-Song gut in ihre ganz eigene Sprache übersetzt, mit Gospelchor, satten Streichern und einem Beat, der der Song eben nicht erdrückt, sondern unterstützt. Da liegt dann auch der Hauptunterschied zu oben erwähnten Protagonisten der Soul-Welt. Wo deren Musik heute zu ganz großen Teilen eher Ausdrucksmöglichkeit für den Produzenten als den Interpreten ist, geht es bei India.Arie immer noch um eine eigene Message. "I wanna live with an open heart", heißt es in "Living", und das mag da als Motto gelten. Sicher, das lässt sich auch unter diffuser Esoterik abbuchen, aber in diesem Falle wird es durchaus unterfüttert - vor allem eben von beängstigender musikalischer Kernkompetenz. Es ist kein Zufall, dass India.Arie auf dem rennomierten Label Motown veröffentlicht.

Denn einige Tracks - zum Beispiel "India Song" - sind kleine Schatzkästchen, die ebenso wie der alte Soul, deutliche Querverweise Richtung Gospel und Blues, aber auch Richtung Ann Peebles, Roberta Flack oder Tracy Chapman in sich tragen. Dass sie auch den Spagat zur Moderne beherrscht, zeigt "I Am Not My Hair", ein Duett mit dem Rapper Akon. In dem Soul-Stück geht es um die Bedeutung des Äußeren - aber das wird mit drastischen Mitteln beschrieben. "I Choose" dagegen ist ein Manifest an weibliche Kräfte und ein Duett mit Bonnie Raitt, die man wohl bei einem urbanen R'n'B-Album nicht unbedingt auf dem Zettel hat. Diese beiden Gäste zeigen gut, in was für einem großen Spannungsfeld sich India.Arie 2006 bewegt. Stevie Wonder hat da schon Recht.

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