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Label: EMI
von Ralph Buchbender
Hinten muss die Eins stehen. Das wahre neue Jahrtausend beginnt immer erst dann, wenn hinten eine Eins die Datumsangabe ziert. Wo die Mathematiker recht haben, zollen auch die Musiker ihren Tribut. Denn auch musikalisch scheint das neue Jahrtausend erst 2001 so richtig in Schwung zu kommen. War das Jahr 2000 mit seinen Neuveröffentlichungen im großen und ganzen so unspektakulär wie unaufregend, kommt uns 2001 schon ganz anders daher. Was haben wir in diesem Jahr schon alles abfeiern dürfen: Manic Street Preachers, New Order, System Of A Down, Radiohead, Tori Amos, Björk, Gorillaz, Tool, Jimmy Eat World um nur die Speerspitze an weiteren wirklich guten Alben zu nennen.
Damit habe ich die Hypes um die Newcomer, die in diesem Jahr ebenso zahlreich wie aufdringlich wie Mücken an schwedischen Gewässern auftraten, noch gar nicht mitgezählt. Was letzten Endes an den Vorschusslorbeeren für The Strokes oder White Stripes dran ist, wird die Zukunft zeigen. Widmen wir uns nun dem dritten 'Hype des Jahres': Starsailor.
Ihre beiden Singles 'Fever' und 'Good Souls' sorgten bereits im Frühjahr für einen Run auf eine Band, die sich uns ebenso jung wie unbekümmert präsentiert. Ungeniert werden vom englischen Quartett ihre Vorbilder zitiert, kopiert und beinahe versehentlich ins neue Jahrtausend teleportiert. 'Starsailor' ist der Titel eines Albums des englischen Pop-Rock-Heroen Tim Buckley, wie Neil Young ein Idol der vier Protagonisten, die uns nun mit 'Love Is Here' ihren ersten Longplayer servieren. Ihre offen zur Schau getragene Hommage an Tim Buckley kann und will indes die Annäherung an seinen Sohn nicht übertünchen. Jeff Buckley, der tragische Pop-Held der Neunziger Jahre, findet auf 'Love Is Here' seine x-te posthume Huldigung. Dass das alles noch prima in die New Wave Of British Melancholie-Hysterie passt, kommt dem Quartett natürlich auch sehr entgegen. Dennoch: 'Love Is Here' ist weit mehr als das beste vorstellbare 'Tribute to the Buckleys'-Album.
Was Sänger James Walsh alles an Emotionen und Stimmungen mit seiner Stimme transportieren kann, würde ungehört verpuffen, verfügten seine restlichen drei Kollegen nicht über das Potential, ihm die Songs portionsgerecht zu servieren. Jeder Hype, sei er auch noch so übertrieben transportiert, hat irgendwo ein Stück Berechtigung. Sicherlich wird niemand bei Starsailor von der 'Rettung des Rock'n'Roll' reden. Sie erfinden auch das Rad nicht neu und tun im Grunde nichts anderes, als das, was hunderte andere Bands vor und gleichzeitig mit ihnen machen. Der Unterschied besteht darin, dass sie sich gleich an die Spitze setzen konnten. Warum das so ist?
Weil Starsailor im Gegensatz zu Coldplay keine Totalausfälle auf ihrem Album zu beklagen haben. Weil Starsailor sich im Gegensatz zu Turin Brakes nicht im unendlichen, nicht mehr nachvollziehbarem elegischen Trauerspiel verlieren. Weil Starsailor im Gegensatz zu Eskobar über ein variableres Songwriting und daher über ein breiteres Spektrum verfügen. Weil Starsailor sich im Gegensatz zu Muse trotz aller Bekennung zu den Vorbildern, eigenständiger anhört oder zumindest bestimmte Songmuster ihrer Vorbilder konsequenter zu Ende denkt. Weil Starsailor im Gegensatz zu Travis naiver und damit gerade für jüngere Fans anziehender und erfrischender wirken. Ganz zu schweigen von ihrer teilweise sympathisch-ängstlichen Art und Weise, sich manchmal still und leise an die scheinbare 'Über-Band' Radiohead heranzuschleichen ('She Just Wept'). Alles in allem erstklassige Bands, die zu recht ihre Lorbeeren verdient haben. Doch, sehen wir einmal von Radiohead ab, Starsailor sind irgendwie immer noch den Hauch eines Ticks besser.
Auch weil bei Starsailor gerade ihre 'Nicht-Singles' zu den besten Songs auf dem Album zählen. Songs wie 'Poor Misguided Fool', 'Way To Fall', 'Love Is Here' oder 'Coming Down' verbreiten eine Stimmung, der man sich als Hörer einfach nicht entziehen kann. Unwiderstehliche Melodien, bombastische Pop-Balladen, die eine tiefe melancholische Stimmung verbreiten, ohne gleich Weltuntergangsstimmung im Wohnzimmer zu erzeugen. Laut einem eigenen Zitat, haben Starsailor lediglich ein paar 'kleine Songs' geschrieben.
Wenn dem so ist, was erwartet uns dann erst, wenn sie ernsthaft daran gehen, große Popsongs zu schreiben? Diese Band hat ein Potential, dass einem beinahe Angst machen könnte. Wäre da nicht ihre angenehm zurückhaltende, positiv-naive Art. Bei allen Göttern des Pop-Olymps, die uns in diesem Jahr schon verdammt gute Debüt-Alben beschert haben, hier legen sie uns ein Ei ins Nest, das an die Ausmaße der ausgestorbenen Moas erinnert. Und der blieb bei aller Größe auch immer schön auf dem Boden.
Highlights:
Poor Misguided Fool
Alcoholic
Way To Fall
Fever
She Just Wept
Love Is Here
Coming Down
Verwandte Klänge:
Radiohead
Jeff Buckley
Pink Floyd
Turin Brakes
Coldplay
Eskobar
Muse
Travis
Tim Buckley
Pulp
Tracks:
Tie Up My Hands
Poor Misguided Fool
Alcoholic
Lullaby
Way To Fall
Fever
She Just Wept
Talk Her Down
Love Is Here
Good Souls
Coming Down
Discography:
2001 Love Is Here
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