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Label: WEA/Warner
von Ralph Buchbender
Wohl dem Autor einer Rezension, der aufmerksame Kollegen hat. Phil Spector. Natürlich. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Beeindruckt von Cerys Matthews stimmlichen Qualitäten, die auf dem neuen Catatonia Album 'Paper Scissors Stone' einen Höhepunkt nach dem anderen erleben, vergaß ich fast völlig, das neue Soundkostüm der Waliser zu entdecken.
Wie könnte Cerys Stimme solche Vielfältigkeit entfalten, wenn die Band ihr nicht den Rahmen dafür liefern würde? Ich sage nur 'Imaginary Friend'. Was zwei Minuten lang als klangvolles Drama in Musical-Manier beginnt, mutiert zu einer Gitarrenpop-Orgie als Action-Showdown-Effekt mit einem zu Tode kommenden Hauptdarsteller. Bei 'Shore Leave' kommen Catatonia in die exquisiten Fahrwasser von The Divine Comedy. Spätestens jetzt hätte ich an Phil Spector denken sollen. Gitarrist und Songschreiber Mark Roberts schrieb seiner Ex-Geliebten Cerys auf 'Paper Scissors Stone' 14 ausdrucksstarke Gitarrenpop-Symphonien direkt auf die Stimmbänder. Wie Cerys es schafft, die bittersten und einfühlsamsten Liebeslieder ausgerechnet von ihrem Ex-Geliebten ebenso einfühlsam zu interpretieren, bleibt ihr Geheimnis.
Fast scheint es, als wolle sie mit aller Kraft ihren Ruf loswerden, den schlimmsten Dialekt der englischen Sprache zum Kult erheben zu wollen. Auf ihren ersten beiden Alben 'International Velvet' und 'Equally Cursed And Blessed' ließ Cerys keinen Zweifel daran aufkommen, dass Catatonia eine walisische und keine englische Band ist. Jetzt scheint sie zu der Auffassung gekommen zu sein, dass es nun alle Menschen wissen müssten und besinnt sich auf die variablen Stärken ihrer Stimme. Klarer und vielseitiger hat man Cerys noch nie singen hören. Ihre Bandbreite reicht dabei von Stimmlagen á la Björk ('Godspeed') über Tori Amos bis hin zur Kratzbürste Bonnie Tyler im 'Blues Song' oder im Finalsong 'Arabian Derby'. Zwar werden hier keine elektronischen Klangbilder wie bei Björk geschaffen, aber die Stimmungen ähneln wie bereits der Opener 'Godspeed' beweist. Dazu tragen auch die Bläser- und Streichersätze ihren produktiven Part bei. Im Song 'The Mother Of Misogyny' schafft Cerys es sogar, eine plausible Brücke zwischen Björk, Amos und Radiohead zu schlagen.
Ob Catatonia mit 'Paper Scissors Stone' endlich der von der Plattenfirma erhoffte Durchbruch auf dem Kontinent gelingt, bleibt abzuwarten. Denn nicht nur aufgrund ihrer in Großbritannien vielbeachteten theatralischen Song-Epen sondern auch dank Cerys pressewirksamer Exzesse in der Vergangenheit haben Catatonia auf der Insel einen Superstar-Status. Doch gibt es hierzulande weder eine Vorliebe für bombastischen Kammerpop noch diese aufdringliche Aufmerksamkeit gegenüber Popbands von Seiten der Regenbogenpresse. Diese Dinge werden sich nicht ändern. Das soll und wird Cerys & Co. nicht wirklich kümmern. Denn ihre Mini-Epen stehen über der geschmacksfreien Masse.
Eigentlich mochte ich Catatonia bisher, weil sie ihren Songs immer auch eine destruktive Ader zugrunde legten. Mit 'Paper Scissors Stone' fange ich an, die Band zu mögen, weil sie es fertig bringen, eine gute Songidee konsequent zu Ende zu führen. Abwechslungsreich und dennoch nicht zerrisssen, bombastisch und dennoch nicht überfrachtet, poppig aber nicht glatt. Eines der interessantesten und besten Alben von der Insel in diesem Jahr.
Highlights:
Imaginery Friend
Fuel
Stone By Stone
Is Everybody Here On Drugs?
Shore Leave
Verwandte Klänge:
The Divine Comedy
Björk
Radiohead
Alfie
Phil Spector
Tracks:
Godspeed
Immediate Circle
Fuel
What It Is
Stone By Stone
The Mother Of Misogyny
Is Everybody Here On Drugs?
Imaginary Friend
Shore Leave
Apple Core
Beautiful Loser
Blues Song
Village Idiot
Arabian Derby
Discography:
1997 Way Beyond Blue
1998 International Velvet
1999 Equally Cursed And Blessed
2001 Paper Scissors Stone
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