Vagtazo Halottkemek

Vagtazo Halottkemek - Naptanc

09.08.2000

Label: Neurot Recordings/Cargo Records

Seit mehr als 25 Jahren existiert das mystische Experimental-Sextett aus Ungarn. Die rasenden Leichenbeschauer haben Früchte namens Iron Butterfly, Blue Cheer, MC5 und The Stooges ausgequetscht, mit ungarischer Volksmusik vermischt und in zeitgemässes Instrumentarium überführt. Sie haben sich ihre eigene hypnotische Soundwelt geschaffen, die unendlich komplex zu sein scheint und sich überdies immer wieder neu kreieren möchte. Brutale Trommelfell-Perkussions, Crimson Gitarrensymphonien, perlende Schiller-Loops, animalistischer Schamanenheuler und durchgeknallte Wolfsschreie sind dabei häufig anzutreffende Rettungsbojen in einem unüberschaubaren, herrlich beängstigendem Ozean, der überraschende Gäste in sich birgt, herrliche, gefährliche, hässliche und Wunder an Schönheit. Dabei bleibt einem der letzte Rest Spucke weg, wenn man, wahrscheinlich erst durch ein ausführliches Studium des Booklets, schliesslich registriert, dass es sich bei diesen Meister-Darbietungen um unbearbeitete Live-Aufnahmen von insgesamt drei Konzerten handelt.

Nach einer kurzen Textrezitation eines unirdischen Mädchens(?) öffnet sich eine neue Welt zu einem archaischen Sonnentanz. Gitarren verschachteln sich zu Schieferbrocken, die zwar abschrägen und doch stimmige Griffigkeit halten. Zu dieser unterlegten Schwerkraft heult Attila Grandpierre, der auch ein Astrophysiker ist, wie ein Canyon-Indianer auf. Oder befindet man sich im Amazonas-Grün und der Meister hat zu viel Yage geschluckt?! Schwer zu sagen,... Ambient-Didgeridoo, einmal nicht abgegriffen sondern im Geiste geblasen, Folktanzanleihe entführt mit Balalaikas in Umma Gamma-Hallos. "Bin im Spiegelsaal verirrt"-Paranoia stellt sich ein. Und trotzdem macht diese angenehme Bedrückung süchtig.

Ein meditatives Instrumental nimmt einen bei einer knochigen Hand und geleitet in psychedelische Jagdgründe. In der Ferne erklingt ein folkiges Reigenliedchen. Es könnte von einer fremden Rasse sein: "...Auf einem grünen Feld flicke ich die Gewänder der Sterne mit traumgleichen Klängen. Ich heile die Seele der Planeten..." Doch keinem Eskapismus wird gefrönt: "...Es fühlt sich so gut an, so gut in den menschlichen Landschaften. Es ist so gut, so, so gut." Damit sind die ersten sechs Tracks vorbei. Nun folgt eine Quasi-Suite in 4 Teilen, von einer halben Stunde Dauer. Sie wurde aufgenommen in einer anderen Location. Sie ist das genialste, was ich seit langem gehört habe. Ich kann es nur vergleichen mit der Verzückung, die ich empfand, als ich zum ersten Mal "Klingklang" von Kraftwerk hörte, vor über 25 Jahren. Gleichbleibendes Pulsieren wird in der Textur langsamst voller und lauter. Irgendwann setzt in dieser Unendlichkeit eine Violine ein und spielt ein psychedelisches Ständchen, das nach und nach seinen und unseren Herzschlag beschleunigt. Gegen Ende fällt das Gewebe auseinander in perkussives Chill Outen. Der Blutkreislauf startet erneut nach oben, und eine magisch/gespenstische Stimme kreischt in gefährliche Echoräume hinein. Dann spact alles völlig ab, Modern Trance go home... Starke Rhythmen lassen den reissenden Fluss auslaufen.

Die letzten drei Stücke sind wieder greifbarer, ein moderner Ahnentanz, eine politische, kompromisslose Anklage an die kastrierte Ungarische Gesellschaft schreit sich Attila aus der Tiefe. Doch am Ende werden versöhnlich die Sterne angebetet: Eine absolut traumhafte Einspielung!
*****(*)

(J.F./DocRock)

DocRock

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